Seiten

Sonntag, 26. Mai 2013

Was macht dich glücklich?

WARNUNG: Langer Text ohne Bilder. Diejenigen, die durchhalten, bekommen meine Anerkennung. (:

Die kleinen Momente im Leben machen glücklich. Diesen Satz hab ich irgendwann mal im Grundschulalter aufgeschnappt. Wahrscheinlich hab ich das irgendwo gelesen und hatte nie wirklich darüber nachgedacht. Ich meine, ich war damals noch mit Pokémon, Sailor Moon und Akkordeonspielen beschäftigt. Und diese kleinen Dinge machten mich damals glücklich.

Glück haben und Glücklichsein
Im Laufe der letzten Jahre habe ich realisiert wie viel Glück ich habe.  Nicht nur, dass ich in einem Land geboren worden bin, dessen System meine eigene Meinungsbildung stark beeinflusst hat, sondern ich wurde in eine fortschrittliche, westliche Welt mit all seinen Vorzügen gesetzt.
Natürlich hört man in allen Medien wie schlecht es Kindern in Afrika und weiteren Dritte-Welt-Ländern außerhalb dieses Kontinents haben. Ich bin nicht so empathisch, deswegen sind solche „Geschichten“ für mich immer so fern. Was für mich aber nie fremd war, ist das Leben in dem Heimatland meiner Eltern, Vietnam. (Warum ich Vietnam nicht im engeren Sinne als mein Heimatland bezeichne? – Ich wurde dort nicht geboren, habe dort nicht die meiste Zeit meiner Kindheit verbracht, aber im weiten Sinne ist es doch meine Heimat. Dazu zu einem anderen Zeitpunkt mehr.)
Als ich acht Monate alt war, flog ich zum ersten Mal gemeinsam mit meinen Eltern nach Vietnam und seitdem jedes Jahr wieder. Die „Zustände“ dort wurden für mich dadurch sozusagen Normalität, aber zeigten mir auch, wie gut ich es in Deutschland habe. Im gleichen Atemzug muss ich auch sagen, dass Vietnam mir ein Glücksgefühl einer besonderen Art gibt. Denn in der kurzen Zeit, die ich dort verweilen darf, fühl ich mich unbeschwert und habe meine ganze Familie um mich herum. Ich beneide immer meine Freunde, welche mal kurz auf Tee und Kuchen zur ihren Großeltern fahren können. Ein Anruf zum Geburtstag und ein paar Wochen im Jahr in Vietnam, damit muss ich mich zufrieden geben. Ich bin froh darüber, dass meine Eltern es mir jedes Jahr ermöglichen meine Verwandten zu besuchen. Ich habe Glück, dass meine Eltern mir mein Glücklichsein ermöglichen, sozusagen.
Meine Eltern sind auch für das „verantwortlich“, was mich am glücklichsten macht: meine Schwestern. Ich freue mich über jeden Fortschritt, den sie machen und bin stolz auf jede einzelne von ihnen. Aufgrund unseres großen Altersunterschieds bin ich an Mamas schlechten Tagen, ein bisschen mehr als nur die große Schwester. Ich geh zu Elternabenden, rede mit Lehrern (manchmal waren diese auch mal meine Lehrer), koche, mach die Wäsche, spiel Hausaufgabenhilfe, halte Standpauken und lese Gute-Nacht-Geschichten vor. Zumindest war es noch so, als ich zu Hause gewohnt hatte. Mittlerweile habe ich diese Aufgaben, wenn ich mal länger als nur für ein Wochenende zu Hause bin. Auch, wenn ich manchmal nicht so richtig Lust auf die Aufgaben habe, machen sie mich dennoch glücklich. Das Gefühl Teil des Lebens meiner Schwestern zu sein, mit ihnen über ihre kleinen Problemchen zu reden, weil Mama „zu alt“ ist um es zu verstehen oder einfach zu gestresst ist oder keine Zeit hat, ist für mich ein fast schon unbeschreibliches Gefühl.
Meiner Meinung nach ist meine Familie das wichtigste in meinem Leben. Sie sind der Ursprung meines Glückes und wenn das Glück mich einmal verlässt, sind sie der Halt und das Auffangbecken.

Und dann gibt es noch das Tanzen. Ich hab das Tanzen erst relativ spät als das wahrgenommen, was es heute für mich ist. Musik war für mich schon immer ein wichtiger Bestandteil meines Lebens und ich tanzte schon immer gern ein bisschen herum bis ich dann irgendwann merkte, dass ich gar nicht mal so schlecht bin. Je mehr ich herumprobierte, je älter ich wurde, je mehr Freunde ich fand, welche die gleichen Interessen hatten, desto mehr wurde das Tanzen zu meiner Leidenschaft. Früher war es das Tanzen mit den Jungs im Trainingsraum, das Standardtanzen mit der besten Freundin in der Tanzschule und das Tanzen als Hobby zum Ausgleich in der Praktikumszeit, nun ist es viel mehr das Tanzen in Clubs, das gelegentliche schüchterne Herumhüpfen in Schuhläden mit „urbaner Musik“ und das Tanzen zu Hause vor dem Spiegel, wenn mir danach ist oder wenn die Laune so am Boden ist, dass nur noch laute Musik und energiegeladene Bewegungen im Takt helfen. (Tanzen bringt mir mehr als Sex, meine Lieben :DD).  Ich habe mal in einem Vortrag in einer meiner Chinesisch-Prüfungen, das Tanzen als etwas beschrieben, das mir das Gefühl gibt so frei wie ein Vogel zu sein. Und Freisein ist für mich Glücklichsein. Denn im Moment des Tanzens gibt es nur mich, die Musik und meinen Versuch einigermaßen gute Bewegungen hinzubekommen. Alle Sorgen, Probleme, Ängste sind in diesem kurzen Moment nicht mehr Teil meiner Welt. Da zählt für mich nur das Hier und Jetzt, keine Konsequenzen aus vergangenen Entscheidungen wollen mich einholen und keine Ängste über die Effekte der zukünftigen Entscheidungen klopfen pochend an die Tür.

So ähnlich ist es mit meinem Genusszwang. Essen macht mich glücklich. Gutes Essen macht mich noch glücklicher. Ich glaube das hängt ein bisschen mit meiner Erziehung zusammen. Mein Papa hat mich dazu erzogen immer alles, was auf dem Tisch stand zu probieren. Egal wie widerlich, es aussah oder was es war. Denn die Vorstellungskraft von Menschen ist oftmals viel stärker als die Risikobereitschaft bzw. die Genussbereitschaft, wie ich es nenne. Denn nach dem Probieren kann man es ja immer noch ablehnen. Wenn man es nicht probiert hat, kann man nicht sagen, dass es nicht geschmeckt hat und man es deswegen nie wieder essen möchte. Natürlich warnen uns unsere Sinne, evolutionsbedingt, vor schlechtem Essen. Aber ganz ehrlich, so viel Müll wie wir uns heutzutage in den Rachen schieben, haben wir bestimmt schon längst das Gefühl/den Gaumen für gutes Essen verloren. Wenn man Industrie-Formfleisch und – käse essen kann, da kann man auch mal frittierte Hühnefüße probieren. ;)
Was ich mit dieser Zwischensequenz sagen möchte, ist das ich durch das ganze Probieren, viele sehr leckere „ungewöhnliche“ Genussmittel entdeckt habe. Und ich esse viel. Man möchte sich ja auch nicht ganz so einseitig ernähren, deswegen ist es ganz hilfreich viel zu kennen, was man potentiell essen könnte. An schlechten Tagen hilft bei mir ein Grillhähnchen oder ein gutes 250g-Rib-Eye-Steak, um mich sofort glücklich zu machen. Ich glaube ich gebe den größten Teil meines Studentengeldes für Essen und für Reisen aus.

Damit sind wir beim nächsten Glücksfaktor meines Lebens. Das Reisen hat schon sehr früh angefangen. Wie bereits erwähnt, reiste ich schon im Kleinkindalter oft nach Vietnam. Und auch hier sind meine Eltern Schuld, glaube ich. Sie fuhren mit mir schon als ich vier Jahre alt war in einem Wohnwagen nach Paris, in den Schulferien lernte ich die schönen Küstenorte Deutschlands kennen, sie zeigten mir die schönen Orte, die Deutschland einrahmten und ermutigten mich dazu noch mehr von der Welt zu sehen. Australien, Großbritannien, Singapur, Italien, Thailand, Laos, Kambodscha, Ägypten und all die zuvor angedeuteten Länder noch bevor ich das Abiturzeugnis in der Hand hielt. Und zwischendrin hab ich Deutschland erkundet, hab mir von meinen Freunden anhören müssen, dass ich ein reiches Bonzenkind bin, weil ich überall unterwegs war und bin. Ich habe das Glück, das meine Eltern mich verwöhnen und mich immer unterstützen, sei es finanziell oder anderweitig. (Und manchmal spar ich das Geld auch einfach. Lieber lauf ich in Klamotten aus der vorletzten Saison rum als gutes Essen in einem fremden Land zu verpassen.)
Die Zeit nach dem Abitur zeigte mir immer mehr, dass ich es nicht all zu lang in einem Ort aushalte.  Ich bin ständig unterwegs, ständig auf der Suche nach gutem Essen in einem nicht ganz vertrauten Ort, ständig auf der Suche nach Luft zum Atmen. Die Stadt, in der ich studiere, wurde mir ziemlich schnell zu klein. Nicht die Fläche an sich störte mich, sondern der Alltagstrott und die Langeweile. Ich mag es in fremden Straßen herumzulaufen, die Atmosphäre aufzusaugen, fremde Sprachen und Dialekte zu hören, in Cafés zu sitzen, Menschen zu beobachten und mir Geschichten über ihre Herkunft und ihren Alltag auszudenken.  Ich mag es auch fremde Kulturen zu sehen, die Geschichte fremder Länder zu „erforschen“, Besonderheiten und Eigenheiten zu erkennen, faul am Strand zu liegen, schwitzend kleine Pfade entlang kleiner Berge/Hügel hinaufzulaufen, weil ich die Aussicht über die Stadt genießen möchte. (Nein, ich bin eigentlich kein Naturmensch.)

Und um all meine Erfahrungen und Erlebnisse auf Reisen und im Alltag festzuhalten, fotografiere und schreibe ich über all das, besonders über die Sachen, welche mich inspirieren. Ich weiß selbst nicht genau, wie viele Notizbücher ich schon mit meinen verdrehten Gedanken und Beobachtungen vollgekritzelt hab. Am schönsten ist es die alten Notizbücher herauszuholen, darin zu blättern, einzelne Überlegungen noch einmal zu überfliegen und darüber lachen zu können, wie meine Ansichten sich geändert haben. Ist vielleicht ganz gut, dass, bis auf meine Schwester, kein anderer bislang darin gelesen hat. So gesehen, machen Erinnerungen mich auch glücklich.

Und dann gibt es noch diese eine ganz besondere Gruppe von Menschen, die mich seit Jahren fast ebenso glücklich machen, wie meine Schwestern: meine Freunde. Und ich spreche tatsächlich von den wirklichen Freunden, nicht von den kurzen Bekanntschaften, die dich kurzzeitig unterhalten, aber verschwinden sobald Probleme auftauchen oder scheinbar interessantere Leute.
Ein Teil von ihnen ist über die Jahre zu einer zweiten Familie angewachsen, Menschen für die ich alles liegen und stehen lassen würde, wenn sie in Not sind. Sie geben mir das Gefühl von Zugehörigkeit, Wärme und Verständnis. Und jeder Moment mit ihnen, sei es eine sehr entspannte Poker-Nacht oder ausgelassenes Feiern, ist für mich ein glücklicher Moment.
Ich habe im Laufe meiner jungen Jahre so viele Leute kennengelernt, aber irgendjemand sagte einmal, die Freundschaften, welche sich in den Jahren an der Universität bilden, sind die langanhaltendsten unter ihnen. Ich schätze die Momente mit meinen Freunden hier sehr, denn wir gehen nicht nur gemeinsam durch die gleichen Probleme und verstehen einander dadurch viel besser als andere es tun könnten, sondern wir machen einander glücklich. Und das meist nur durch unsere Anwesenheit. Als Student lernt man viel stärker die kleinen Dinge im Leben wertzuschätzen, nicht nur weil wir alle chronisch pleite sind und chronisch an Schlafmangel leiden, sondern viel mehr weil die Welt die „großen Dinge“ noch für uns offen hält und das Hier und Jetzt die kleinen glücklichen Momente braucht, damit man die Klausurenphase oder ein kleines Tief überlebt.
Freunde sind für einander da, egal wie weit sie von einander entfernt leben oder auch wie nah. Ich liebe die Momente, in denen meine Freunde plötzlich mit einem Grillhähnchen und einer Cherry Coke oder Nudeln und Zucchini vor der Tür stehen, weil es mal wieder Zeit für Comfort-Food ist. Oder wenn ich an regnerischen Tagen mit einem Regenschirm vom Gleis abgeholt werde, weil meine Freunde wissen, dass ich so gut wie nie einen Regenschirm einpacke. 
Mich macht es aber besonders glücklich, wenn ich für meine Freunde da sein kann. Als Zuhörerin, wenn mal wieder ein bisschen Seelenstriptease nötig ist, als Beraterin, wenn man in einem Beziehungsdilemma steckt, als Köchin, wen die Grippe herumgeht und manchmal auch als Unterhaltung, wenn einem langweilig ist.

Was macht dich glücklich?

much love
ML