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Montag, 24. Juni 2013

About settling down

Gerade sitze ich im Metronom von Uelzen nach Hamburg und durfte vor ein paar Minuten ein sehr herzerwärmendes älteres Ehepaar beobachten. Ich saß im Warteraum am Gleis 101 des Hundertwasserbahnhofs und jeder, der schon einmal da war, weiß dass es dort zu jeder Jahreszeit durchzieht. Besonders an windigen Frühlingstagen kann es dort kalt sein. Mir gegenüber saß eine kleine, zierliche Frau im Rentenalter, schönes ergrautes Haar in einer lockigen Kurzhaarfrisur, Brille, nettes Lächeln, hellblauer Mantel mit dazu passenden Schuhen und neben ihr waren ein mittelgroßer Koffer und eine Handtasche gestapelt. Ich fragte mich tatsächlich beim Anblick des mittelgroßen Koffers und der etwas größeren Handtasche, ob sie nachher beim Einstieg in den Zug womöglich meine Hilfe bräuchte. Gedanken zu Ende gedacht, kam auch schon ein älterer Herr mit einer Flasche Apfel-Holunderbeersaft, einem Plastikbecher und einem strahlenden Lächeln auf die ältere Dame zu. Er hielt ihr die Flasche mit einem jugendlichen Stolz entgegen, wartete auf ihre gespielte freudige Reaktion und setzte sich neben sie auf die Bank. Zwei Sekunden später stand sie auf und lief vor ihm hin und her, sagte dass es kalt sei dort auf der Bank zu sitzen und setzte sich prompt auf seinen Schoß. Für diesen Moment bekam der ältere Herr ein Lächeln von mir. Er lächelte verschmitzt zurück. Als die Dame unseren Blickkontakt bemerkte, stand sie auf und lief wieder vor ihm hin und her während die beiden sich über Züge und Zugverbindungen unterhielten. Die beiden wirkten glücklich. Beim Einstieg in den Zug musste ich an meine Großeltern denken, also an die Zeit bevor meine Großväter verstorben waren, an die Zeit an die ich mich eigentlich kaum erinnern kann. Meine Großmütter sind starke Frauen. Während ihre Ehemänner im Krieg waren, zogen sie ihre Kinder allein auf, mussten neben der Feldarbeit, kochen und dafür sorgen, dass die Kinder in die Schule gehen konnten. Umso schöner war es als ich als Kleinkind beobachten durfte, wie sehr meine Großeltern sich liebten trotz oder gerade weil sie sich in den ersten zehn Jahren ihrer Ehe nicht jeden Tag gesehen hatten. Ich erinnere mich daran, wie meine eine Oma meinen Opa immer aufzog und sie immer scherzten, das Lachen meiner Oma ist ansteckend und laut. Ich glaube, die Lautstärke des Lachens habe ich von ihr geerbt. Meine andere Oma war stets die fürsorgliche Ehefrau. Diese Frau kann einfach alles, sie konnte wirklich jeden unausgesprochenen Wunsch meines Opas erfüllen. In der langen Zeit, in der er krank war, wollte sie keine Hilfe von anderen, sie wollte sich selbst um ihren Ehemann kümmern.
Meine Großeltern heirateten sehr jung, noch bevor sie zwanzig geworden sind und sie trennte der Tod.

Nun sitze ich hier in der Gegenwart und habe erst letzte Woche die Hochzeitsbilder einer ehemaligen Mitschülerin, mit der ich Abitur gemacht hatte, gesehen. Besagte Freundin hatte auch schon letztes Jahr ihr erstes Kind bekommen. Und sie ist nicht die einzige aus meinem Jahrgang, welche sich festgelegt hat. Ich war mit ihr nicht so gut befreundet, deswegen sprach ich ihr gegenüber nur meine Glückwünsche aus und machte mir nicht weiter darüber Gedanken. Dann realisierte ich, dass die drei Freundinnen mit denen ich in meiner gesamten Gymnasialzeit am meisten zu tun hatte sich alle drei bereits in langjährigen Beziehungen befinden und ich als einzige in den letzten Jahren die eine oder andere interessante oder auch uninteressante Geschichte hatte, jedoch nie den Anreiz (oder auch den Kerl) sah meine „wilde Zeit“ zu beenden. In den letzten Jahren unterstützte meine Mutter meine „wilde Phase“ mehr oder weniger bzw. wusste sie nie von der „wilden Phase“, sie wusste nur, dass ich niemanden ernsthaft in Erwägung zog.  Sie unterstütze meine Entscheidung bzw. meine Überlegung nicht zu früh heiraten zu wollen, weil sie ihre überstürzte Entscheidung vor ca. 23 Jahren ein wenig bereut. Sie sagt immer, dass sie meinetwegen keine Sekunde bereut, nur hat sie durch die frühe Heirat einen Großteil ihrer Jugend einfach nicht erleben können. Aber auch sie hat bei meinem letzten Besuch zu hause anmerken lassen, dass ich ihr doch nach meinem Studienabschluss so langsam jemanden vorstellen könnte. Schließlich braucht man ja eine gewisse Kennlernphase bevor man heiratet und Kinder bekommt. Manchmal schaufle ich mir auch selbst mein Grab, denn ich erzähle ihr jedes Mal von meinen vietnamesischen Freundinnen und deren Freunden oder von deren Trennungen etc., weil meine Mutter sich manchmal nach ihnen erkundigt. Denn unsere Eltern kennen sich unter einander und die Kinder von guten Freunden werden in unseren Kreisen oft fast schon als eigene Kinder angesehen. Sehr herzlich, aber auch sehr gefährlich. Gerüchte und ihre lauffeuerartige Verbreitung sind bei uns üblich. Und am Ende bleibt immer die Frage nach meinem Freund... Ach und wenn es nach meinem Herrn Papa gehen würde, würde ich nach meinem Bachelor zu ihm nach Vietnam ziehen, den „erfolgreichen“ Sohn eines seiner reichen Geschäftspartner kennenlernen, heiraten und dann in Vietnam festsitzen. Auf der einen Seite wäre es sehr toll in Vietnam zu leben, weil ich dann nah am Großteil meiner Familie sein könnte, auf der anderen Seite bin ich viel zu sehr an den Luxus und die Lebensumstände in Deutschland gewöhnt. (Ich sehe meine Zukunft zwar in Asien, aber trotzdem sehe ich meinen festen Wohnsitz in der westlichen Welt.) Meinem Vater würde bei seinen Kupplungsversuchen gar nicht einfallen, dass ich kulturell gesehen gar nicht nach Vietnam passe. Ich wurde in Deutschland geboren und trage eine deutsch-vietnamesische Mischmentalität in mir, die ein Vietnamese aus Vietnam nicht immer verstehen kann. Das muss ich ihm dann wohl nach und nach erklären.
Da haben wir also die Erwartungshaltung meiner Eltern und die „Erwachsenen-Geschichten“ der Freundinnen auf der einen Hand und auf der anderen Hand haben wir die Freunde, die ebenso wenig bereit sind, wie ich.
Leute, ich bin noch jung, hab noch gar nichts in meinem Leben erreicht, hab noch nicht mal annähernd alles gesehen, was ich noch sehen möchte und meine Freiheit möchte ich auch noch nicht aufgeben. Ich möchte keinesfalls suggerieren, dass man in einer Beziehung nicht frei sein kann, jedoch geht meine Definition der Freiheit in Richtung Ungebundenheit, Unabhängigkeit, Unsicherheit und Spontaneität. Vielleicht verdeutliche ich das an einem kleinen Beispiel. Ein guter Freund von mir führt seit fast zwei Jahren eine Fernbeziehung über ca. 400km. Nun hat er die Chance in ihre Nähe zu ziehen, sie wollen auch zusammenziehen und würden dann von ihren Eltern auch ein Auto geschenkt bekommen (aber nur wenn sie zusammenziehen). Er hat sich nun in den Universitäten in ihrer Umgebung beworben, weil er erstens aus seiner jetzigen Wohngegend heraus möchte und zweitens weil sie nicht aus ihrer Gegend wegziehen möchte. Ich weiß in Beziehungen geht man Kompromisse ein usw., aber ich hätte gern die Freiheit irgendwo ganz anders hinziehen zu können bzw. weiß ich gar nicht was nächstes Jahr sein wird. Ich weiß gar nicht in welchem Land, in welcher Stadt ich dann sein werde.

Und, wenn ich mich dann selbst gefunden habe, dann möchte ich mir sicher sein. Keine hohen Erwartungen mit darauffolgenden Enttäuschungen mehr. Lieber das, was meine Großeltern hatten oder das süße ältere Paar vom Uelzener Bahnhof hat.


Wenn man Glücklichsein mit Liebe definiert.

much love
ML